PRIMA GESAGT

Lesebühne

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Unter der Leitung von Elizabeta Lindner
fand am 20.11.09 die Lesung 
„Slovokult goes live!" statt.

 

SlovoKult (www.slovokult.de) ist ein Online-Literaturportal für makedonische Literatur auf Deutsch. Es wurde 2008 von Elizabeta Lindner gegründet und hat sich mittlerweile zu einem Übersetzungsnetzwerk entwickelt, das regelmäßig übersetzte Literatur aus Makedonien veröffentlicht.

 

SlovoKult sind:
Elizabeta Lindner,
Petra Huber,
Benjamin Langer,
Will Firth,
Ksenija Cockova und
Lydia Nagel.

 

Leitung, Redaktion: Elizabeta Lindner

Kontakt: elizabeta.lindner@slovokult.de

 

 

Lyrik:
Aus dem Makedonischen von Elizabeta Lindner

 

Igor Isakovski
Lass uns über das Wetter reden

lass uns reden
völlig sinnentleert
ohne Pflicht
ohne Schmerz ohne Tränen

lass uns einander etwas erzählen
als ob wir dazu gezwungen wären
vorauszusagen
starke Winde
heiße Sonne
schwere Regenfälle
unentdeckte Blitzstrahlen
erahnte Donnerschläge

lass uns wandern
vielleicht regnet es heute Nacht
vielleicht werden unsere vergessenen Schirme
nass sein, wie wir selbst
nass wie unsere Augen
nass wie mein Inneres

lass uns aufbrechen
an jedem Ort einen Teil von uns hinterlassen
überall nur Erinnerungsstücke
an die Anwesenheit
die da ist, um zu bezeugen
wie sehr wir abwesend sind
wie sehr es uns nicht gibt

lass uns hoffen
im geschmolzenen Asphalt
werden wir unsere Spuren hinterlassen
um uns zu erkennen
falls wir entscheiden, zurückkehren

vielleicht morgen
bringt das Gewölbe strahlenden Glanz
und wir rutschen nicht bei unserem Gang
vielleicht morgen
genau morgen
werden wir unbeschwert
über das Wetter reden

lass uns einander gestehen
wir werden einander nichts Neues erzählen
wir werden über das Wetter reden
wir werden versuchen, nichts vorauszusagen
und dennoch werden wir nass sein
bis auf die Haut

 

Katica Kulavkova
Beichte eines Kindes


„Ich weiß nicht warum
habe ich das komische Gefühl,
jeder Tag könnte mein
Schicksalstag sein

und bekomme eine Gänsehaut vor Furcht
und läuft mir ein Schauer über den Rücken
und verwickle ich mich wie ein langer
sehr langer und abgenutzter Faden
voller Knoten und habe keine Geduld
ihn abzuwickeln!

Dann komme ich unbewusst zu mir
kehre mit der Zeitmaschine
in die virtuelle Wirklichkeit zurück
und kann dann weiter spielen
weiter schwärmen

denn wie könnte ich sonst überleben
Mama,
- das weiß ich nicht!“


Vlada Uroševik
Säbel
(Erzählung)

Aus dem Makedonischen von Ben Langer

Jaşi-Beg, der Befehlshaber der türkischen Kavalleristen, bemerkte es nicht, als sein Pferd verwundet wurde. Sein Hals war trocken, die Sonne schien ihm genau in die Augen, der mit Schweiß vermischte Staub buk ihn. Das Pferd strauchelte plötzlich und fiel in sich zusammen, wie ein Weinschlauch, wenn man ihn mit dem Messer durchbohrt. Der Horizont drehte sich, die bunte Welt drang in den Himmel ein, schrecklich unvermittelt näherte sich den Augen das trockene Gras. Er bemerkte, dass ihm das Bein schmerzte, eingezwängt unter dem Gewicht des Pferdes. Weit weg, eingehüllt in Staub, rasten seine Kavalleristen. Die Ordonnanz war nicht in der Nähe.
Jaşi-Beg versuchte, unter dem Pferd hervorzukommen. Dann rief er einige Male. Die Reiter entfernten sich Säbel schwingend. Weit entfernt hinter herbstlichen Maisfeldern sah man Skopje, schwarz, verbrannt von der Feuersbrunst.
Jaşi-Beg hörte hinter sich einige Worte in einer fremden Sprache. Er drehte sich um und versuchte, den Säbel zu ziehen.
Der Griff des Säbels war verbogen. Zwischen Klinge und Scheide war Erde eingedrungen. Er versuchte es noch einmal.
Es war zu spät. Aus einem vertrockneten Maisfeld traten zwei österreichische Soldaten in langen, blauen Militärblusen und ein kurzhalsiges Mannsbild in schmutzigem, dörflichem Wollstoff.


Georgi S., Geschichtslehrer und Antiquitätenliebhaber, sah den Säbel in einer Silberschmiedewerkstatt. Er wollte ihn haben; er hatte ihn sofort zusammen mit drei Ikonen an der Wand beim Kamin erblickt.
Zuerst lehnte es der Meister hartnäckig ab, ihn zu verkaufen. Er stöberte in den Schubladen herum, in denen es allerlei Messingverzierungen gab, wischte etwas mit einem unreinen Lumpen ab, murmelte unzufrieden. An der Wand hingen ein mit Seidenfäden auf verblichenen blauen Samt gestickter Koranspruch und eine altertümliche Gravur: Ein dicker Reiter mit Turban, der den Säbel gegen eine Gruppe von Kavalleristen schwingt, die in der Ferne reitet. In der Luft spürte man den starken Geruch von irgendeinem Metallreinigungsmittel und von morschem Holz.
Als er zum dritten Mal in den Laden kam, gab der Meister nach. Er aß in Zeitungspapier gewickelte, kalte Cevapcici; mürrisch stand er auf, wischte die Hände an seinen schmutzigen Hosen ab, nahm das Geld und hängte den Säbel von der Wand ab.
Georgi S. nahm den Säbel und sah: Der Griff war verbogen, wie von einem Schlag. Er wickelte den Säbel in eine Zeitung und ging zum Ausgang. Dort drehte er sich um, um sich noch einmal vom Silberschmied zu verabschieden: Der hatte den Kopf zur anderen Seite gedreht und interessierte sich nicht mehr für ihn. Georgi S. schien es, als wolle er sich absichtlich nicht verabschieden. Erst von hier, von der Schwelle, sah er auf der Gravur ein bisher unbemerktes Detail: Aus dem Bauch des Pferdes brach ein starker Strahl Blutes hervor. Das Pferd war verletzt.

Das Pferd strauchelte plötzlich und fiel in sich zusammen, wie ein Weinschlauch, wenn man ihn mit dem Messer durchbohrt. Der Horizont drehte sich, die bunte Welt drang in den Himmel ein, schrecklich unvermittelt näherte sich den Augen das trockene Gras. Er bemerkte, dass ihm das Bein schmerzte, eingezwängt unter dem Gewicht des Pferdes. Weit weg, eingehüllt von Staub, rasten seine Kavalleristen. Die Ordonnanz war nicht in der Nähe.
Er erinnerte sich, dass er sie zum linken Flügel geschickt hatte, um nachzusehen, warum die Tataren zurückgeblieben waren. Sicher hatten sie eine Truppe österreichischer Soldaten gesehen und waren geblieben, um sie auszuplündern, dachte er sich.
Er versuchte, unter dem Pferd hervorzukommen. Dann rief er einige Male. Die Reiter entfernten sich Säbel schwingend. Weit entfernt hinter herbstlichen Maisfeldern sah man Skopje, schwarz, verbrannt von der Feuersbrunst.


Skopje war von der Herbstsonne ganz gelb: Auf den Dächern aus verblichenen Ziegeln lag Staub, der sie noch verblichener erscheinen ließ. Georgi S. durchquerte das alte Basarviertel, mit den Augen blinzelnd: Das Sonnenlicht gleißte, sich in den kupfernen Tellern reflektierend, in den Zinntrichtern in den Auslagen der Blechschmiede, in den Metallverzierungen der an den Türen der Sattlerläden hängenden Kummete. Von überallher blitzten Klingen, scharfe Schneiden, metallene Spitzen: Das ganze Basarviertel war ein funkelndes Arsenal, ein Waffensaal, versunken in tiefem Alter und aufgefressen von Rost, voll unvorstellbarer Waffen und nicht erkennbarer Verzierungen.
Als er in die Autowerkstatt eintrat, um die Batterie abzuholen, die er einige Tage zuvor dort abgegeben hatte, erschien ihm die Werkstatt nach dem gleißenden Jahrmarkt des Herbstlichts, das durch das Basarviertel hüpfte, dunkel. Der bleiche Junge sagte ihm mit erschrockenen Augen, dass der Meister nicht da sei. Georgi S. fragte, ob er kommen werde. Der Junge sagte, der Meister werde kommen, wandte die Augen ab und beschäftigte sich mit dem Abhobeln eines Metallstücks. Um die linke Hand trug er einen großen, unsauberen Verband.
Georgi S. erinnerte sich, dass er einige Dinge für zu Hause kaufen musste, es erschien ihm dumm, mit einem in eine Zeitung gewickelten alten türkischen Säbel durch das Basarviertel zu laufen, und er fragte den Jungen, ob er ihn dalassen könne. Der Junge gab sein Einverständnis, ohne ihn auch nur anzusehen. Georgi S. ließ den Säbel auf einem Werkzeughaufen und ging hinaus.
Gegenüber zog ein Wagen alte Metallbetten aus dem Tor der schmutzigen, verlassenen Karawanserei. Die zwei Pferde zogen gegen die Steigung, sie schwitzten. Der Kutscher rief heiser unverständliche Worte. Das eine Pferd rutschte aus, fiel, die Hufeisen kreischten furchtbar, als sie über die Pflastersteine rutschten. Der Kutscher rannte fluchend umher. Das Pferd trat vergeblich in die Luft, zuckte unbeholfen, quälte sich.

Jaşi-Beg versuchte, unter dem Pferd hervorzukommen. Dann rief er einige Male. Die Reiter entfernten sich Säbel schwingend. Weit entfernt hinter herbstlichen Maisfeldern sah man Skopje, schwarz, verbrannt von der Feuersbrunst.
Das Pferd zuckte noch einige Male, mit den Hufen gegen die harte, trockene Erde schlagend, und wurde ruhig. Jaşi-Beg versuchte, sein linkes, in den Riemen verwickeltes Bein zu befreien. Wenn er aufstünde, hätte er die Möglichkeit, jemanden zu Hilfe zu rufen, dachte er sich. So liegend war er nahezu unsichtbar. Ihn verbargen die ängstlichen Brombeersträucher, die Erhebungen einiger alter Gräber, ein paar große Steine.
Es war unsinnig, dass er so weit nach rechts vorgedrungen war, die versprengten Österreicher verfolgend, die hinter den niedrigen Hügelchen verborgen aus langen Flinten auf die Reiterei schossen. Er erinnerte sich, wie eilig er es am Morgen gehabt hatte, zu sehen, was von seinem hastig verlassenen Palast, seinem gesamten Vermögen übriggeblieben war. Dann hörte er hinter sich das Geräusch von Schritten. Er dachte, dass ihn einige von diesen Elenden, diesen Lumpen aus den irregulären Verbänden, die sich seit Tagen hinter dem Heer herumtrieben, so finden könnten, gierig nach leichter Beute, und ihn hier töten könnten, still und heimlich. Wegen der Kleidung oder wegen des Säbels.


Als Georgi S. in die Werkstatt zurückkam, war der Säbel nicht da. Der Meister wusste nichts von ihm. Der Junge war verlegen. Sein schmutziger Verband hatte sich zur Hälfte aufgewickelt, der Junge versuchte vergeblich, ihn zusammenzubinden, sich mit den Zähnen behelfend.
Georgi S. erklärte, dass der Säbel auf dem Werkzeughaufen gelegen hatte, er regte sich auf, berief sich auf den Jungen. Während seiner Erklärungen bemerkte er, dass der Junge dem Meister irgendein Zeichen geben wollte. Auch die Werkzeuge, auf denen er den Säbel zurückgelassen hatte, waren nicht mehr da.
Georgi S. versuchte, dem Werkstattbesitzer zu vermitteln, dass es sich um eine kostspielige Sache handelte. Der Meister wiegte voller Verständnis den Kopf, aber bei der Erwähnung des Wortes „Säbel“ versteifte er sich und blickte seinen Gesprächspartner verständnislos an.
Endlich verständigten sie sich: Die Werkzeuge – und mit ihnen sicherlich auch den Säbel – hatte ein anderer Meister mitgenommen, ein Bekannter des Werkstattbesitzers, aber wo er wohnte, wusste der Werkstattbesitzer nicht oder wollte es nicht sagen. Er schlug Georgi S. vor, nach einigen Tagen wiederzukommen, behauptete, dass man den Säbel dann sicher zurückgegeben haben werde, dass er in Eile und aus einem Missverständnis heraus mitgenommen worden sei, dass Georgi S. sich überhaupt keine Sorgen deswegen zu machen brauche. Der geistesabwesende Junge richtete immer noch seinen Verband, es versammelten sich noch einige Handwerker aus den Läden gegenüber. Plötzlich, während Georgi S. noch – bereits ohne Hoffnung – versuchte, etwas mehr über denjenigen herauszufinden, der die Werkzeuge und mit ihnen auch den Säbel mit sich genommen hatte, bot sich einer der Handwerkernachbarn an, ihn zu dessen Haus zu bringen, als er den Namen des Meisters hörte, der neben den Werkzeugen auch den Säbel mitgenommen hatte. Der Werkstattbesitzer blickte angesichts dieser Lösung verwirrt drein, äußerte Zweifel daran, dass sie ihn so leicht finden würden, und beschäftigte sich dann mit irgendeiner Arbeit im dunklen Teil der Werkstatt, als ginge ihn das Ganze nichts mehr an.
Als Georgi S. zusammen mit dem hinkenden Schuster, der sich angeboten hatte, ihn zum unbekannten Handwerksmeister zu bringen, aus dem Laden trat, stand die Sonne bereits hinter der alten Festung. Die engen Sträßchen lagen schon im Schatten: Das Metall glänzte bereits kalt bläulich, die Schaufensterscheiben waren dunkelblau. Wegen des Hinkens des Schusters mussten sie langsam gehen, der Schuster beklagte den Verlust und fragte ihn wieder und wieder über die Geschichte des verlorenen Säbels aus.

Die Reiter entfernten sich Säbel schwingend. Weit entfernt hinter herbstlichen Maisfeldern sah man Skopje, schwarz, verbrannt von der Feuersbrunst.
Man hörte keine Schüsse mehr. Hoch oben am Himmel trieben einige weiße Wölkchen. Zwischen den Büschen blitzten die Spinnweben.
Jaşi-Beg versuchte, seinen vom Staub, der ihn den ganzen Tag umgeben hatte, ausgedörrten Hals mit Speichel zu benetzen. Ihn quälte Durst. Er dachte voll Bedauern an den Springbrunnen im Garten seines Palastes, an das Geräusch des Wassers, das in der Dämmerung lauter wurde.
Morgens gurrten in der Pappelreihe über dem Palast die Tauben. Jaşi-Beg schien es, als hörte er etwas. War das irgendein Vogel?
Jaşi-Beg hörte hinter sich einige Worte in einer fremden Sprache. Er drehte sich um und versuchte, den Säbel zu ziehen.

Es stellte sich heraus, dass es schwieriger war, den Meister zu finden, als sie gedacht hatten. Der Schuster fand sich in den unbekannten Sträßchen nicht zurecht, er fragte sich bei den misstrauischen Greisinnen und frechen Burschen durch. Endlich fanden sie das Haus: Vor dem großen, schmutzigen Hof bedankte sich Georgi S. beim Schuster und der verschwand hinter den niedrigen Häuschen. Auf dem Hof gab es ein kleines Haus und daneben ein langes, niedriges Gebäude, das als Werkstatt dienen konnte.
Als Georgi S. den Hof betrat, kam ihm aus dem Haus eine junge Frau in einem ausgeblichenen Kleid entgegen, an dem nur einige Knöpfe geschlossen waren. Nein, sie wisse nicht, wo der Meister sei, er sei nicht zu Hause, sie wisse nicht, wann er zurückkehre, nein, er habe nichts gebracht, keinen Säbel. Die Frau stand auf dem Hof, bis Georgi S. sich entfernt hatte, als wolle sie sich davon überzeugen, dass er wegging.
Georgi S. schien es undenkbar, jetzt von hier wegzugehen: Es war nicht wahrscheinlich, dass er den Weg zu diesem Hof noch einmal finden könnte. Er entschloss sich, zu warten. Als er zur Straßenecke kam, drehte er sich um: Die Frau betrat das niedrige langgezogene Gebäude und schloss die Tür schnell hinter sich. In dem Augenblick, als sie eintrat, konnte man sehen, dass drinnen ein schwaches Licht brannte.
Georgi S. ging einige Male durch die nahegelegenen Sträßchen. Die Zigeunerinnen brachten Wasser aus dem Straßenbrunnen nach Hause, vor den Hauseingängen standen schweigsame Alte, Kinder stritten sich um etwas im Staub. Hinter den niedrigen, aus Erde erbauten und weiß getünchten Häusern stand ein steinernes, halb eingestürztes Denkmal. Gegen den dämmrigen Himmel zeichneten sich schwarz und gekrümmt seine sechs Säulen ab. „Was ist das dort“, fragte er einen Jungen, der mit einem Messer einen Stecken zuschnitzte. Der Junge lächelte misstrauisch, als vermute er eine List hinter der Frage. „Jaşi-Beg“, sagte er dann. „Großer Mann. Starb.“ Eine Frau kam aus der Haustür und rief dem Jungen etwas zu. Der Junge betrat den Hof, ohne sich umzuschauen.
Es war bereits dunkel, als Georgi S. wieder zum bekannten Hof kam. Die Frau war nicht auf dem Hof. Georgi S. trat ein, ging zum Haus, dann besann er sich und kam zur Werkstatt. Drinnen brannte Licht und man hörte metallische Schläge. Er ging zur Tür, blieb ein wenig stehen, dann öffnete er sie.
Drinnen schlugen drei auf dem Beton kniende Männer die Karosserie eines Automobils auseinander. Als sich Georgi S. in der Türöffnung zeigte, hoben sie ihre Köpfe, einer von ihnen stand auf. Georgi S. kam es so vor, als hörte er ein Wort in einer fremden Sprache.

Jaşi-Beg hörte hinter sich einige Worte in einer fremden Sprache. Das Gerede vermischte sich mit dem Gesäusel des ungeernteten Maises. Er drehte den Kopf: Nur die Fransen der Maispflanzen wiegten sich leicht im Wind. Von irgendwoher brachte der Wind Rauchgeruch. Er erinnerte sich an die Nachricht, die sich am Morgen unbestimmt im Heer verbreitet hatte: von seinem Palast, der niedergebrannt worden sei, von den verschleppten Haushaltsgegenständen. Mit Bedauern dachte er, dass er jetzt nicht einmal mehr das Pferd hatte.
Die Stimmen waren wieder zu hören. Jaşi-Beg war sicher, dass jemand hinter den Brombeeren und Maispflanzen war. Dann hörte er die Schritte. Er drehte sich um und versuchte, den Säbel zu ziehen.
Der Griff des Säbels war verbogen. Zwischen Klinge und Scheide war Erde eingedrungen. Er versuchte es noch einmal.


„Der Säbel“, sagte Georgi S. verunsichert. „Ich bin wegen des Säbels gekommen.“
Als sich ihm einer von den dreien näherte, bemerkte Georgi S., dass neben dem abgenommenen Kotflügel der Karosserie viele schwarze Gegenstände lagen: Es waren schwarze kleine Revolver, ganz neu und mit Öl geschmiert. „Was wollen Sie?“, sagte der Mann mit kurzem, dicken Hals, stehen bleibend, um ihm den Blick zum Automobil zu verwehren.
„Sie haben aus Versehen meinen Säbel genommen“, sagte Georgi S. Der Mann mit kurzem, dicken Hals blieb unentschlossen stehen. „Hier ist er“, sagte einer von denen, die noch neben der Karosserie knieten, und stand auf.
Georgi S. nahm den Säbel aus seinen Händen. „Nur deshalb sind Sie gekommen?“, sagte der Mann mit kurzem, dicken Hals. „Ich wollte nicht, dass er verloren geht“, sagte Georgi S. Auf dem Boden der Werkstatt standen einige Kisten mit kleinen, schwarzen Revolvern. „Schmuggel“, dachte Georgi S. Der Wagen hatte ein ausländisches Kennzeichen. „A“ stand auf dem schwarzen Kreis. „Österreich“, erinnerte sich Georgi S. „Von dort schmuggeln sie Revolver.“
Als er den Hof verließ, hörte er hinter sich die Werkstatttür. „Warte“, rief ihm einer von den Herauskommenden nach.
Georgi S. beschleunigte die Schritte. Die Straßen waren bereits gänzlich finster und verlassen. Er lief nach oben, zum Denkmal, das sich gegen den Himmel abzeichnete. Das Denkmal stand auf einem kleinen Hügelchen zwischen den Häusern und von ihm aus konnte man einen größeren Bereich einsehen.
Dann hörte er, wie einer seiner Verfolger ausrutschte. „Umzingeln“, rief der den anderen zu. „Schneller, bevor er die Polizei holt.“
Georgi S. rannte auf die Häuser zu, in denen das Licht gelöscht war. Alle Tore waren verschlossen, nirgendwo war jemand zu sehen: Es schien so, als sei ein Krieg vorbeigegangen, als seien Heerzüge durchgezogen, brennend und mordend. Nur in irgendeinem Hof bellte ein Hund auf. „Wenn sie mich fassen, werden sie mich töten“, dachte Georgi S.
Wegen der Steinplatten stolpernd, die halb aus der Erde ragten, rannte Georgi S. zum Denkmal. Rings umher dehnte sich die Stadt aus, völlig schwarz, mit Straßen ohne Licht, verlassen. „Wie wegen einer Seuche“, dachte Georgi S.
Die Verfolger näherten sich. Georgi S. lehnte sich mit dem Rücken gegen den kalten Stein des Denkmals und hielt den Säbel fest. Er strengte die Augen an, um die Figuren der Verfolger im Dunkeln auszumachen. „Soll ich schreien?“, dachte er.

Es war zu spät. Aus einem vertrockneten Maisfeld traten zwei österreichische Soldaten in langen, blauen Militärblusen und ein kurzhalsiges Mannsbild in schmutzigem, dörflichen Wollstoff.

 

 

Paula Balov

Annamaria Balov

Doroteja Novosel

 

Christine Mösch

Holger Haak

Jürgen Nafti

Nouri Hassan Al-Kubaisi

 

Gastautoren:

 

Naomi Bendt,
Maroula Blades,
Gordon Gatherer,
Anthony Baggette,

 Slovokult

Vinzenz Fengler & Jorina Collela

Jeanette Pichen & Maria Meyer

Stefan Thielke & Anka Luna

Frank Pieperhoff

 

Nepomuk Ullmann

 

Axel Altenburg

 

Fred Schumacher

 

Vadim Fadin