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balovpaula@yahoo.de,
über kopf
mein kopf hängt
rot vom bett.
ich sehe so, wie meine netzhaut:
den boden weit und nackt.
aus der decke ragen möbel, wie messer
und du
willst mich nicht
mehr.
heute altern wir nicht:
der raum aus zeit -
gezimmert in stundengläsern.
alles rinnt zum anfang.
ich lese unsere glasstunden auf,
vom vorherbst.
ich hab vergessen
staub zu wischen,
der an der decke klebt,
an den klingen und
wiederkommt.
wund sind meine hände,
mein boden ist sauber.
es klappt nicht
mit uns,
schreist du
und gehst du wände runter.
tränen springen auf,
meine netzhaut verknotet sich
und der boden fällt mir
auf den kopf.
Ein
Dienstag in Skopje
An
diesem Dienstag in Skopje fragt die Oma ihre Enkelin: Liebling, bist du
hungrig? Und die Enkelin sagt: Nein, Oma, immer noch nicht. Dann hüpft die
Oma zum Herd und sagt: Burek und der Bohneneintopf von gestern sind noch da,
und die Enkelin sagt: Nein, Oma, ich habe keinen Hunger. Dann guckt die Oma
in den Kühlschrank und sagt: Kakao oder Schokolade? Baklava? Kind, kannst
doch wirklich nicht nichts essen!Und die Enkelin sagt: Doch, Oma, ich habe
keinen Hunger.
An
diesem Dienstag in Skopje gehen zwei Punks zu einem Parkprotest. Da wird es
ein Festival geben, bei dem sie auftreten werden.
Aber bitte plapper keinen Politikkram mehr zwischen den Songs, sagt der mit
den grünen Dreadlocks.
Es geht doch um Freiheit geht es, meint der Dickbebrillte und fummelt an
seinem Piercing.
Eigentlich um den Bau dieser komischen Kirche da.
Der Dickbebrillte bleibt stehen, räuspert sich und schildert mit großen
Gesten:
Es geht um die Konservativen, die hunderte Hungrige beten schicken, anstatt
mit der Summe die Sozialhilfe aufzubessern.
Er geht weiter.
Hast ja Recht, aber lass das Politikzeug lieber
zwischen den Zeilen.
Der Dickbebrillte schüttelt seinen rasierten Schädel und sagt:
Bist’ n klassischer Mazedonier bist du. Glückwunsch, immer schön die Klappe
halten, solang du in dein Brot beißen kannst.
An
diesem Dienstag in Skopje kehren zwei Straßenfeger das Zentrum.
Nervig, sagt der mit dem Besen. Nachher dürfen wir auch noch den Park sauber
machen. Blöde Demo! Er entdeckt eine Pfandflasche und steckt sie hastig ein.
Der mit der Müllschippe nickt und fragt: Schon gehört, was die hier bauen?
Nein, antwortet der andere. Unsern Alexander!
Der eine leert die Müllschippe über den Plastiksack aus.
Schön, meint der andere. Er fegt einen neuen Haufen zusammen. Ich weiß
nicht, meint der eine. Vierzig Meter hoch! Der andere lächelt: Ist ja
Alexander, der Große.
Er fischt Zigarettenstummel zwischen den Pflastersteinen hervor. Sein
Kollege seufzt. Du kennst die Geschichte nicht! Er blickt sich um. Wenn er
so groß wird wie das Haus da, spekuliert er, dann sieht der Mazedonier davor
nur die Hufe seines Pferdes.
Weiß gar nicht, was du hast, sagt der andere.
Dann starren Generationen auf zu Hufen und stehen in ihren Schatten. Und die
patriotische Heulsuse sagt: Schuld sind die Griechen, die Albaner, die
Bulgaren alle – doch da ist ja der Alex, auf den ist man stolz!
Dann verstummt er erregt und leert eine leere Müllschippe aus. Der andere
lässt den Besen fallen: Die Bulgaren erkennen unsere
Sprache nicht an, die Serben die Kirche nicht, die Griechen den Namen nicht
und die Albaner… ach, die wollen einfach Land. Bei Tito,
da konnte uns keiner so leicht was.
Der eine lässt die Müllschippe liegen und stellt sich dich vor den
anderen. Er spricht betont: Dann ruf im Kulturministerium an und sag, du
hättest lieber einen vierzig Meter hohen Tito.
So war das doch gar nicht…, murmelt der andere und wendet sich von ihm ab.
Es herrscht Stille und jeder verrichtet seinen Job.
Aber hast du denn nie an Jugoslawien geglaubt?
An
diesem Dienstag in Skopje füttert eine Frau ihren Vater. Babybrei mit
zerbröselten Tabletten.
Sie führt den Löffel an seinen Mund. Er lutscht und saugt und schluckt. Sie
wischt seine Mundwinkel ab. Sein Blick ist leer, wie von einem Fisch – ohne
Richtung. Sie hält ihm ein weiteres Häppchen hin. Er keucht, dann spricht er
rau und schwach: Ich hasse die Griechen! Ich weiß, sagt die Frau fast
flüsternd und hält ihm den Brei vor die Nase, doch er spricht weiter:
Gottverdammte Griechen!
Ich weiß, Papa, ich weiß. Er lechzt nach dem Löffel und öffnet den Mund. Er
schluckt und dann sagt er: Ich war ein Kind. Für jedes Wort gab’s Prügel.
Für jedes Wort auf Mazedonisch. Ich war doch ein Kind. Sie gaben mir sogar
einen griechischen Namen.
Ich weiß, Papa, sagt sie ungeduldig, du möchtest ihn nicht mal
aussprechen. Sie hält ihm einen Löffel hin.
Wusstest du, ich bin Millionär, eigentlich? Millionen, mein Kind, Millionen.
Ja, Papa, antwortet sie und verdreht die Augen. Jetzt iss! Er isst und sagt
weinerlich: Zwei Häuser hab ich geerbt. Und ein Grundstück. Dann wurden wir
nach Polen gejagt.
Alles gehört jetzt Griechen. Hörst du? Zwei Häuser.
Sie nickt und löffelt wieder.
Er isst - schweigt endlich. Sie atmet aus und streichelt seine zittrige
Hand. Nachdem er fertig ist, bindet sie sein Lätzchen ab und bringt den
Teller in die Küche. Sie wischt sich die Tränen weg und kommt mit einem Glas
Milch zurück.
Weißt du, meine Mutter hat immer gehäkelt und einmal ein Kleidchen für meine
kleine Schwester – mit der Sonne. Und die Faschisten haben sie verhaftet –
wegen der mazedonischen Sonne.
Er beginnt zu schluchzen. Sie setzt sich neben ihn und hält ihn im Arm,
streichelt seinen Rücken. Er beginnt zu wimmern und zu jammern und legt sich
auf ihren Schoß. Sie sagt: Es wird alles gut, ganz ruhig, Papa, ich bin ja
bei dir. Es wird alles gut. Er schluchzt und schnieft und klagt und dann
blickt er auf zu ihr mit roten, verweinten Augen. Sie lächelt ihn an.
Wer bist du, fragt er.
An
diesem Dienstag in Skopje erzählt eine Enkelin ihrer Oma: Ich fühl mich
eingesperrt und die Oma fragt: Liebling, hast du denn jetzt Hunger?
Die Enkelin sagt: Nein. Aber Kind, willst du den hungrig zu dem Festival im
Park? Die Enkelin sagt: Ja, und dass sie nur Mazedonien und Serbien gesehen
hat.
Die Oma sagt, du warst doch bestimmt mal woanders: Sofia? Zagreb? Ljubljana?
Und die Enkelin sagt: Nein, Oma, ohne Visum kommt man nicht mal da hin.
Dann fragt die Oma, ob sie den Schinken, den der Opa mitgebracht hat schon
probiert und denn jetzt Hunger habe. Die Enkelin blickt verträumt aus dem
Fenster.
Ja, Oma. Verdammt großen Hunger.
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Paula
Balov
Annamaria Balov
Doroteja Novosel
Christine Mösch
Holger Haak
Jürgen Nafti
Nouri Hassan Al-Kubaisi
Gastautoren:
Naomi Bendt,
Maroula Blades,
Gordon Gatherer,
Anthony Baggette,
Slovokult
Vinzenz Fengler & Jorina Collela
Jeanette Pichen & Maria Meyer
Stefan Thielke &
Anka Gnoth
Frank Pieperhoff
Nepomuk Ullmann
Axel Altenburg
Fred Schumacher
Vadim Fadin |